Mentalität und Nationalcharakter
Forcierte Disziplinierung
Bei anderen Völkern, die uns gegenüber einiges an Effektivität und Produktivität aufzuholen hatten (oder dies zumindest glauben) - schließlich konkurrierten sie wirtschaftlich mit uns - ging die Tendenz eher ein wenig in unsere (alte) Richtung (1). Wohlverhalten wurde teils mittels drastischer Strafen erzwungen. Kleines Beispiel: umgerechnet 40 Euro kostete das Falschparken in Paris schon vor 20 Jahren. Angestellte sind dort viel "angezogener" als bei uns. Bei Männern ist das "trois pièce" (Jacke, Hose, Weste sowie die Krawatte) Pflicht. 
Vergleiche auch Geschlechtsunterschiede. Man setzt Signale, zeigt (soziale) Zugehörigkeit, Rang, Macht, aber auch Unterordnung. Lustigerweise heißt der Anzug im Französischen "costume", ja, und das trifft´s: Man kostümiert sich fürs Büro, man geht verkleidet dorthin, man spielt eine Rolle, man ist nicht man selbst, und wenn man´s irgendwann ist, dann hat man vielleicht seine Identität aufgegeben, dann ist etwas verloren, man ist besiegt.
In französischen Schulen herrschen strikte Disziplin sowie Frontalunterricht. Dort wird getrimmt und gebimst, gepaukt, auswendig gelernt. Es sind "Zuchtanstalten". Im Militär, dem sich nur die allerwenigsten entziehen können (2), geht´s weiter. Disziplin und Ordnung, Vorbereitung auf Fabrik und Büro. Von wegen "Bürger in Uniform" wie bei uns. Mon cul! - mein Arsch oder "denkste". Das alles wird sich auch wieder lösen, wird lockerer werden, aber noch ist es so.
Warum diese Disziplinierung? Weil die Franzosen immer noch "anders" sind, viel weiter entfernt von dem, was die zugrundeliegenden wirtschaftlichen Strukturen erfordern. Das macht sie uns liebenswert. Wir schwafeln von "savoir vivre", "laissez-faire" und "Gott in Frankreich". Dabei hat sich all das sehr seit den Sechzigern gewandelt, als Frankreich den Sprung zu einer modernen Industrienation vollzog, die Concorde baute und das Land mit Atomkraftwerken spickte. Über rote Ampeln zu fahren (3), das machte vor wenigen Jahren noch jeder. Heute ist das passé, nicht zuletzt wegen horrender Strafen.
In den Metrowagons aus den sechziger Jahren sah man allenthalben noch Schilder: "Spucken verboten!" (Interdiction de cracher). Warum? Verbotsschilder braucht man nur dann, wenn das zu Unterdrückende noch praktiziert wird. Heute unmöglich, aber in Deutschland waren die jedem Klassensaal vorhandenen Spucknäpfe für die Lehrer im Kaiserreich mit diesem untergegangen, fünfzig Jahre vor den Verboten in der Metro, fünfzig Jahre "Kopfgeschichte". Fünfzig Jahre Aufholbedarf in Frankreich und dann in Windeseile. Erst 1936 hatte übrigens die städtische Bevölkerung Frankreichs diejenige auf dem Land überstiegen, lange Jahrzehnte nach der in Deutschland. Das hat Konsequenzen im Kopf, auf die Mentalität, den Charakter.
Siehe auch die Anmerkungen zu einer Fahrradfahrt entlang der belgisch-niederländischen Grenze.
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1) Ausgerechnet das, worauf wir so stolz sind, ist anderen ein Dorn im Auge und bereitet ihnen Probleme.
Die Bad. Zeitung schrieb über die damalige Finanzministerin: ".... Christine Lagarde meinte, dass der deutsche Erfolg zu Lasten anderer Staaten gehe – weil deren Firmen seltener mithalten könnten. Eine Art deutsches Lohndumping, so der Vorwurf", und ein wenig später: "Ähnlich ... sagte EU-Währungskommissar Olli Rehn: In den vergangenen zehn Jahren sei die Schere zwischen Ländern mit hohem Außenhandelsüberschuss (wie Deutschland) und solchen mit einem Außenhandelsdefizit im Euroraum immer weiter auseinandergegangen. Solche Ungleichgewichte könnten ernste Folgen haben, vor allem für das nachhaltige Wachstum in der Eurozone. "Daher müssen wir gegen diese Ungleichgewichte angehen." Rehn forderte Deutschland auf, den heimischen Konsum und die Inlandsnachfrage zu stärken. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) wies die Kritik Rehns zurück. Entscheidend für die Außenhandelserfolge sei die exzellente Qualität der deutschen Produkte.
2.) Wehrdienstverweigerung ist so gut wie unmöglich. Seiner eigenen Nachzucht hat die französische Bourgoisie natürlich ein Hintertürchen gebaut, die sogenannte "Coopération". Das sind Praktika, die man statt des Wehrdienstes in französischen Firmen im Ausland ableisten kann. Mit Entwicklungshilfe, wie man meinen könnte, hat das aber nichts zu tun. Es geht darum, die Ex-Kolonien mit entsprechend ausgebildetem Personal, das vor Ort Erfahrungen gesammelt hat, weiter unter der Fuchtel halten und ausbeuten zu können. Dagegen wirkt unser "weltwärts"-Programm für junges Gemüse geradezu hilflos naiv.
Zur Herkunft des Fotos siehe hier.


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vor 25 Wochen 2 Tage