Genormte Verrückte an den Ampeln
Zivilisationskrankheit Ampelsyndrom
Der alltägliche Wahnsinn
Aus dem Alltagsleben:
Beobachten wir eine verkehrsreiche Kreuzung irgendwo in Süditalien, in der Türkei, in Marokko, in Indien, so sehen wir Chaos. Die Leute agieren impulsiv, unbedacht, egoistisch, irrational, kurz: wie Kinder. Wir sind geneigt, Erwachsene, die sich ähnlich wie Kinder spontan und unberechenbar verhalten, als "verrückt" zu sehen.
Überschreitet bei uns jemand allerdings eine Ampel bei Rot, dann hat das eine andere Qualität; es erfolgt nicht impulsiv, wie bei einem Kind, das dem Ball auf der Straße hinterherrennt, sondern mit Bedacht, mit Ratio. Wer´s tut, wendet psychische Energie auf, wohingegen der Wartende träumen darf. Sein Verstand ist abgestellt.
Äußerst sich hierin nicht eine besondere Art charakterlicher Verbiegung bei uns, eine "Krankheit"? Das Kranke kann doch nicht darin liegen, dass jemand über eine Ampel marschiert, wenn nichts kommt (ausdrücklich: Es kommt nichts, und das können wir ja auch treffsicher an jeder unbeampelten Kreuzung entscheiden).
Zeigt sich ein Krankheitssyptom nicht darin, dass wir fähig sind, stehenzubleiben, wenn NICHTS kommt? Ist das nicht Merkmal einer Krankheit: Den Verstand abschalten, Dinge tun, Regeln einhalten zu können, selbst wenn sie wie im genannten Fall noch so widersinnig sind? Ist somit das Verrückte nicht die Norm?
Ist dies gleichzeitig mit anderen damit zusammenhängenden Charakterzügen nicht Grundlage unser ganzen kulturellen und wirtschaftlichen Leistung? Eine Leistung, auf die wir doch immer so stolz waren, die uns nun aber allmählich in den Abgrund reißt, weil Mechanismen und Interessen etabliert wurden, die nicht einfach abgeschaltet werden können.
Während in den Sechzigern, Siebzigern alles junge Gemüse selbstverständlich auch bei Rot den Zebrastreifen kreuzte, wenn die Situation es erlaubte, so steht es heute am Straßenrand. Da wird einem ganz unheimlich. In Schweden zischen die Leute sogar hinter einem her, wenn man sich erdreistet rüberzulaufen.
"Gesunde" Völker, die im Süden, zu denen wir doch so gern in Urlaub fahren, können das nicht (tatsächlich sind sie auch nicht so "gesund", sondern "anders" krank, nämlich hysterisch gestrickt). Die sogenannte charakterneurotische Reaktionsbasis ist die Hysterie.
Verinnerlichung
Erreicht wird das Stehenbleibenkönnen über die sogenannte Verinnerlichung (Internalisierung), d.h. das Verbot oder Gebot - ursprünglich ein Fremdkörper - wird Teil des Ichs, der eigenen Werte. Verstand und eigenes Urteilsvermögen werden abgeschaltet. Andernfalls stünde das Individuum jedesmal vor einer Entscheidung und geriete in Zwiespalt. Ist das Stehenbleiben als Norm anerkannt, so hat die Seele Ruh´. Es wird nicht mehr gedacht. Das ist bequem und entlastet die Psyche. Derart strukturiert kann man dann letztlich auch bis nach Moskau marschieren oder Zykon B werfen. Die Geschichte erinnert z.B. an die durchgängigen Verteidigungslinien der Angeklagten in den Nürnberger Prozessen: Befehl und Gehorsam.
Der Vulgärmarxismus führte stets ökonomische Gründe für Faschismus und Zweiten Weltkrieg an. Damit ist aber bei weitem nicht alles erklärt. So wie die Sache sich darstellte, konnte sie nur mit reichlich verbogenen, im Kern sehr kranken Individuen funktionieren, die eben auch massenhaft vorhanden gewesen sein müssen. Wenn in den letzten Kriegstagen im Augsburger Kessel - das war Restgroßdeutschland - noch 30.000 Soldaten für den Führer gefallen sein sollen, dann ist doch zu fragen und zu erklären, warum die Soldaten nicht spätestens dort die Gewehre umgedreht und auf ihre Offiziere gerichtet hatten. Unbekannt ist, dass jemals eine Diskussion darüber stattgefunden hätte. Wird sie wohl auch nicht, weil sie eben die unserem ganzen Wirtschaft- und Gesellschaftssystem zugrundeliegenden Mechanismen aufdecken würde.


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vor 25 Wochen 2 Tage